Der Mehrwert von positiven Emotionen im Coaching

Es ist so eine Sache mit dem Glück: Einerseits würden die meisten Menschen wohl zu Protokoll geben, dass das Erleben von positiven Zuständen wie Zufriedenheit, Zuversicht oder Begeisterung ein erstrebenswertes Ziel im Leben ist. Andererseits ist, gerade in Deutschland, durchaus die Vorstellung verbreitet, dass positive Gefühle „nicht so wichtig“ seien, dass Optimismus nur ein Mangel an Information sei, bisweilen auch: dass es glücklichen Menschen an geistiger Tiefe fehle. Ich möchte mit diesem Beitrag aufzeigen, warum dieses Bild verzerrt ist – und ein Plädoyer für den Wert von positiven Emotionen halten.

Bevor wir einsteigen, sollte ein Missverständnis aus dem Weg geräumt werden: Wenn im Folgenden von positiven und negativen Emotionen die Rede ist, so ist das eine Aussage über die Qualität des subjektiven Erlebens, nicht eine Einteilung in gut und schlecht. Jede Emotion kann prinzipiell adaptiv und somit nützlich für unser langfristiges Wohlbefinden sein (Lomas & Ivtzan, 2016). Doch zum einen streben Menschen in der Regel danach, verschiedene Formen des Glücks zu erleben. Zum anderen unterscheiden sich positive und negative Emotionen in ihrer kurz- und langfristigen Wirkung – und somit in ihrem spezifischen Nutzen für uns.

Auf einer grundsätzlichen Ebene lassen sich Emotionen anhand zweier Dimensionen unterscheiden: Auf der eine Seite stehen die positiv erlebten Zustände, auf der anderen negativ erlebte Ausprägungen. Die zweite Achse bildet den Grad der Aktivierung ab, von entspannten bis zu hochenergetischen Zuständen. Verallgemeinert lässt sich nun zeigen, dass negative Emotionen eine zurückziehende, aber auch fokussierende Qualität haben. Insbesondere unter Angst und Trauer haben wir das Bedürfnis, uns klein(er) zu machen. Negative Emotionen bündeln unsere Aufmerksamkeit, richten sie wieder und wieder auf den auslösenden Reiz aus – so wie unsere Zunge zu einer unebenen Stelle an den Zähnen zurückkehrt, so lange, bis wieder alles glatt ist. Parallel verändern negative Emotionen auch das verfügbare Denk- und Verhaltensrepertoire: Vor allem bei ausgeprägter Angst und auch Wut ziehen wir uns auf automatisierte oder instinktive Verhaltensmuster zurück.

Auf der anderen Seite geht die Broaden-and-Build-Theorie (Fredrickson & Branigan, 2005) davon aus, dass positive Emotionen eine erweiternde Qualität haben, sowohl auf der körperlichen, der mentalen als auch auf der sozialen Ebene. Konkret: Positive Emotionen erweitern unser Denk- und Verhaltensrepertoire. Wenn man Menschen experimentell in eine positive Stimmung versetzt, findet man relativ zu negativen Stimmungslagen folgende Befunde (zitiert nach Fredrickson, 2013). Menschen in positiver Stimmung…

  • wollen aktiv(er) werden, während negative Stimmung uns tendenziell passiv werden lässt;
  • haben einen erweiterten Blickwinkel (im physikalischen Sinn);
  • generieren mehr und ideenreichere Lösungen bei Aufgaben, die Kreativität erfordern; 
  • denken abstrakter; metaphorisch: Sie achten stärker auf den Wald und weniger auf die Bäume;
  • erweitern den Zirkel ihres Vertrauens: Sie schauen stärker auf das, was sie mit anderen Menschen verbindet, weniger auf das, was sie trennt.

Metaphorisch ausgedrückt: Negative Emotionen kommen in ihrer Funktion einer Lupe nah: Sie helfen uns, in einem ausgewählten Feld des Wahrnehmbaren scharf zu sehen, Dinge eingehend zu begutachten. Positive Emotionen hingegen sind vergleichbar mit einer Kamera an einer Drohne. Dieser Blick lässt Einzelheiten verschwimmen, ermöglicht jedoch die Sicht auf übergreifende Muster und Strukturen. Negative Emotionen zeigen unmittelbaren Handlungsbedarf auf – positive Emotionen zeigen an, dass wir uns unspezifisch auf einem richtigen Weg befinden. 

Positive Emotionen säensähen Samen für Erfolg im Beruf (und anderswo)

Der Unternehmer Richard Branson schrieb einmal:

 „Ich weiß, dass ich mich glücklich schätzen kann, ein außergewöhnliches Leben führen zu können – und ich weiß, dass die meisten Menschen annehmen, mein Geschäftserfolg und der Reichtum, den dieser mit sich gebracht hat, hätten mir das Glück gebracht. Doch das haben sie nicht; tatsächlich ist es genau andersherum. Ich bin erfolgreich, wohlhabend und verbunden, weil ich glücklich bin.“ 

Nun könnte man dies als Instagram-Weisheit eines etwas verschrobenen Milliardärs abtun. Allerdings zeigen Dutzende von Forschungsarbeiten, dass Branson den Nagel hier ziemlich auf den Kopf trifft.

Die Psychologie-Professorin Sonja Lyubomirsky erforscht seit über 20 Jahren den Zusammenhang von positiven Emotionen und beruflichem Erfolg (i.w.S.). 2008 legte sie mit einer Kollegin eine erste ausführliche Überblicksarbeit zur Verbindung von Glück(-lichsein) und Berufserfolg vor. Zehn Jahre später veröffentlichte sie mit ihrem Team eine überarbeitete und erweiterte Analyse. Dies ist ihr Fazit (Walsh et al., 2018, S. 209):

After broadly surveying the literature a decade following our original review […], we believe that the cross-sectional, longitudinal, and experimental research continues to support the hypothesis that happiness precedes and leads to career success.”

Die begutachteten Studien zeigen, dass glückliche Menschen (i.w.S.) vergleichsweise bessere Leistungen erbringen, von anderen vorteilhafter bewertet werden – und langfristig ein höheres Einkommen erzielen. An diesem Punkt möchte ich nochmals betonen, dass Zeitreihenanalysen hier eine Kausalität nahelegen, nicht bloß einen statistischen Zusammenhang.

Coaching, zum Glück!

Menschen kommen wegen mehr oder weniger abgrenzbarer Anliegen ins Coaching, für die sie Lösungen oder zumindest Besserung suchen. Wir dürfen davon ausgehen, dass es zu mehr psychischem Wohlbefinden führt, wenn solche Lösungen tatsächlich gefunden werden. Wie ich oben erläutert habe, dürfte es angeraten sein, zusätzlich darauf hinzuwirken, das übergreifende Wohlbefinden von Klientinnen und Klienten zu steigern, da dies eine eigene Form von Ressource darstellt.

In der Positiven Psychologie wurden in den letzten 20 Jahren diverse Interventionen erarbeitet und auf ihre Wirksamkeit hin geprüft. Man darf hier keine Wunder erwarten. Trotzdem kann festgehalten werden: Es ist, vor allem durch kontinuierlich ausgeführte Aktivitäten, möglich, in spürbarem Umfang einige Aspekte des psychischen Wohlbefindens zu steigern, auch über den Tag hinaus (Carr et al., 2020). Solche Übungen lassen sich während einer Coaching-Sitzung durchführen. Allerdings empfehle ich, diese als Hausaufgabe für die Zeit zwischen Sitzungen vorzuschlagen, zumal hier Regelmäßigkeit von großem Nutzen ist.

Grundsätzlich beruhen diese Interventionen darauf, dass eine Person für eine gewisse Zeit bewusst die Aufmerksamkeit auf dezidiert positive Elemente des eigenes (Er-)Lebens richtet. Als Quelle für diese positiven Ereignisse stehen Menschen grundsätzlich drei zeitliche Orientierungen zur Verfügung. Wir können absichtsvoll…

  • schöne Erinnerungen anzapfen und ihre Wirkung in die Gegenwart verlängern; dies wird in der Forschung meist unter dem Namen „Three Good Things“ oder „What Went Well“ (WWW) verhandelt;
  • gegenwärtige Ereignisse besonders intensiv auskosten; dies wird in der Forschung als Savoring bezeichnet;
  • unsere Gedanken auf das Gute richten, das in Zukunft einmal sein könnte. An diesem Punkt bietet sich beispielsweise die „Best Possible Self“-Intervention an.

Fazit

Die Ausführungen in diesem Beitrag legen nah, dass Coaches die Effektivität ihrer Bemühungen erhöhen können, wenn sie diedir Arbeit mit Klientinnen und Klienten, zusätzlich zur allseits bekannten Lösungsorientierung, auch auf eine Form der „Wellbeing-Orientierung“ stützen. Es zeichnet sich zunehmend ab, dass das übergreifende Wohlbefinden eine eigene Form der Ressource darstellt. Positive Emotionen fühlen sich nicht einfach nur gut an – sie sind tatsächlich „für etwas gut“.  

 

Über den Autor: 

Prof. Dr. Nico Rose ist ein führender Experte für Positive Psychologie und seit 2019 Professor für Wirtschaftspsychologie an der International School of Management. Zuvor war er Vice President im Stab des HR-Vorstands von Bertelsmann. Er beschäftigt sich im Schwerpunkt mit sinnorientierter Führung und der Gestaltung von Unternehmenskulturen. Rose hat bislang fünf Sachbücher veröffentlicht und schreibt regelmäßig Beiträge für Medien wie die WirtschaftsWoche und den Harvard Business Manager. Sein neuestes Werk trägt den Titel „Management-Coaching und Positive Psychologie: Stärken stärken, sinnvoll wachsen“ und erscheint im Dezember 2021. 

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